Dienst am S-Bahnhof Wollankstraße

Am Sonnabend, 11. November 1989, hatte ich planmäßig von 6 bis 18 Uhr Dienst in der Bahnpolizeiwache Berlin-Moabit. Gleich zu Dienstbeginn erhielten wir den Auftrag, zum S-Bahnhof Wollankstraße zu fahren, weil auch dort die Grenze geöffnet werden sollte.

Dieser S-Bahnhof war seit dem 13. August 1961 nur noch von Westberlin aus zu benutzen, obwohl er auf Ostberliner Gebiet lag. Und die Bahnpolizei war hier zunächst nicht zuständig. In den Anfangsjahren sollten wir nicht einmal von einen Wagen in den anderen umsteigen, später war uns das erlaubt, und nach dem Januar 1984, seitdem die S-Bahn von der BVG betrieben wurde, war das dann der einzige S-Bahnhof, wo die Bahnpolizei der DR tätig wurde. [Anmerkung der Redaktion: Im Gegensatz dazu war in Ost-Berlin die Transportpolizei der Volkspolizei auf den Bahnanlagen im Einsatz.]

Als wir mit einem Pkw den Bahnhof erreicht hatten, war noch nicht viel los, nur auf Ostberliner Seite rückten mehr und mehr uniformierte Kräfte mit zum Teil schwerer Technik, Baggern und Kranen, an. Das war aber nur vom Bahnsteig aus zu sehen, auf Westberliner Seite gab es keine Aktivitäten.

Unsere Aufgabe war es abzusichern, dass der S-Bahnverkehr ohne Störungen weiter ging und dass die Sicherheit der Reisenden gewährleistet wird.

Im Laufe des Vormittags versammelten sich auf beiden Seiten der Mauer immer mehr Menschen, und auch die Arbeiten an der Mauer wurden nun sichtbar. Die Westberliner Schutzpolizei nahm Absperrungen vor, die Volkspolizei auf der östlichen Seite ebenfalls. Mittendrin gingen die Abrissarbeiten weiter.

Für uns Bahnpolizisten wurde es langsam schwierig, denn Privatpersonen sowie Kameraleute der verschiedensten Fernsehsender wollten immer näher ran - und von der Bahnbrücke hatte man den besten Überblick. Dabei lief der S-Bahnverkehr planmäßig weiter! Es war richtig was los, aber die Leute waren letztlich doch einsichtig.

In einem Raum der ehemaligen Fahrkartenausgabe trafen sich dann alle Beteiligten: Polizei aus Ost und West, Grenzsoldaten und auch wir Bahnpolizisten. In einem Wassereimer wurden die Blumen gesammelt, die von verschiedener Seite abgegeben worden waren.

Als die Abrissarbeiten soweit fortgeschritten waren, dass die Straßenebene erreicht und auch gleich planiert wurde, habe ich mir dann ein Stück Fahrschiene geben lassen, das zuvor von einem Uniformierten abgebrannt worden war. Es gehörte zu den Grenzanlagen, die hier 1961 entstanden waren.

Als dann die letzten Hindernisse beseitigt waren, gab es auf beiden Seiten kein Halten mehr, und es ging von Ost nach West- und ebenso in die Gegenrichtung.

Wir hatten um 18 Uhr noch keinen Dienstschluss, mussten auf unsere Ablösung warten, waren müde aber glücklich, solch einen Tag erlebt zu haben.

Heinz Schröder

 

Praktische Herausforderungen im Betriebsalltag

Die Kontakte zwischen S-Bahnern in Ost und West entwickelten sich schrittweise. Zwar hat es schon seit 1984 ein formelles Absprachegremium auf der Ebene der „Technischen Beauftragten“ gegeben; diese Runden hatten aber einen teilweise politischen Charakter und waren wegen der hochrangigen Besetzung nicht geeignet für das Alltagsgeschäft.

Gemeinsam stellten die Kolleginnen und Kollegen aus Ost und West fest, dass sich trotz der Übergabe der S-Bahn an die BVG und dabei vorgenommenen Vereinfachungen bei den betrieblichen Regelungen viele Gemeinsamkeiten bewahrt hatten. Gerade in den ersten Monaten nach dem Mauerfall ging es immer vorrangig darum, eine Lösung zu finden; formale oder finanzielle Fragen waren nachrangig. Wie die nachfolgenden zwei Beispiele zeigen, galt es, manches praktische Problem zu überwinden.

Um den Besucheransturm bewältigen zu können, waren zwischen BVG und DR laufende Absprachen erforderlich. Weil man zu Vorwendezeiten auf strikte Abgrenzung bedacht war, gab es natürlich keine brauchbaren Kommunikationsmittel „zwischen den Welten“. Es gab eine einzige Telefonverbindung zwischen der Reichsbahn-Oberdispatcherleitung (Odl) und der BVG-Betriebsleitstelle, die vordem nur von ausgewählten Mitarbeitern genutzte werden durfte. Nun war sie eine begehrte Nachrichtendrehscheibe für alle Beschäftigten, die schnelle Absprachen zu treffen hatten. Selbst die Chefs mussten sich zum Telefonieren in den Raum mit dem Telefonapparat begeben. Erst später konnten weitere Verbindungen eingerichtet werden. Und an moderne Kommunikationsformen wie Telefax oder gar E-Mail war überhaupt noch nicht zu denken. Fahrplanentwürfe wurden per Hand geschrieben und dann auf der Schreibmaschine abgetippt...

Da die seit dem 2. Juli über die Stadtbahn durchgängig verkehrenden Züge von BVG und DR auf unterschiedlichen Funkfrequenzen abgefertigt wurden, hatte man die Aufsichten zwischen Friedrichstraße und Erkner sowie auf dem Ringbahnsteig in Ostkreuz mit BVG-Funkgeräten ausgestattet. Im BVG-Bereich erhielten alle Aufsichten bis Wannsee Abfertigungsfunkgeräte der Reichsbahn. Vielfach orientierten sich die Aufsichten bei Einfahrt des Zuges an dessen Farbgebung, um zum Ost- oder Westfunkgerät zu greifen. Da das aber nicht immer stimmte (beispielsweise hatte ein DR-Zug für DEFA-Filmarbeiten seine traditionelle Farbgebung im Gegensatz zu allen anderen DR-S-Bahnwagen behalten), gab es bisweilen Funkstille und entsprechende betriebliche Verzögerungen. Häufig wurden dann beide Geräte gleichzeitig benutzt. Für ihren Hin- und Hertransport zu Wartungszwecken wurden eigens Fahrpläne erstellt.

Christian Morgenroth, ehemals Fachabteilungsleiter Betrieb bei der S-Bahn (DR)

 

Stadtmitte umsteigen

1982 las ich die Geschichte „Stadtmitte umsteigen“ des bekannten Ost-Berliner Feuilletonisten und Stadtgeschichtlers Heinz Knobloch (1926 - 2003). Knobloch hatte darin den Fluchtversuch hochrangiger Nazi-Schergen vor der Roten Armee durch das Berliner U-Bahnsystem am 1. Mai 1945 beschrieben.

Ein Handlungsort der Geschichte war der U-Bahnhof Stadtmitte. Als Knobloch die Geschichte schrieb, war die Stadt geteilt, der Verbindungsgang - der „Mäusetunnel“ zwischen den Bahnsteigen von Linie A (Ost) und U 6 (West) in Stadtmitte unpassierbar. Eine Betonplatte verschloß den Zugang, über den die Flüchtlinge Jahre zuvor „umgestiegen“ waren. Gedanklich durchdrang Knobloch den Beton und fragte sich dabei, ob wohl im Gang noch Kinoplakate aus den Tagen vor dem Mauerbau hingen.

Immer, wenn ich als Fahrgast mit der U 6 den Geisterbahnhof „Stadtmitte“ durchfuhr, musste ich seitdem an Knoblochs Geschichte denken. Dann nahte im November 1990 der Tag der Wiedereröffnung des Mäusetunnels und damit die Beantwortung der Frage. Tatsächlich, da hingen noch Plakate aus der Zeit vor dem Mauerbau! Heinz Knobloch hätte jetzt sicherlich gefragt, ob einer der Verantwortlichen bei der BVG wohl seine Geschichte gelesen habe.

Meine Fotos erreichten Heinz Knobloch mit Umweg über den Verlag. Seine Antwort zeigt: Er hatte diese Geschichte nicht vergessen.

Udo Dittfurth