Viele Jahrzehnte gab es im geteilten Berlin tarifliche Kuriositäten. Seit März 1949 wurden Fahrkarten bzw. Fahrscheine nur noch in den jeweils gültigen Währungen verkauft. In den 1950er Jahren führte die BVG (West) Sonderfahrscheine ein, mit denen Ost-Berliner oder DDR-Bürger wahlweise die drei Verkehrsmittel U-Bahn, Straßenbahn oder einige Autobuslinien gegen Zahlung von DM der DDR (Deutsche Mark der Deutschen Notenbank) benutzen konnten. Zur Ausgabe reichte das jeweilige DDR-Personaldokument. Diese Sonderfahrscheine B galten allerdings nur in West-Berlin und wurden bis 1961 angeboten. West-Berliner mussten in Ost-Berlin die dortigen - niedrigen - Tarife zahlen. Auf der U-Bahn wurden die Fahrscheine gegenseitig anerkannt.

Bei der S-Bahn galt unverändert der Kriegstarif von 1944 mit acht Preisstufen. Die Grenzschließung 1961 hatte bei der S-Bahn zunächst keine Auswirkung. Berechtigte konnten weiterhin z. B. mit der Preisstufe 1 zu 20 Pfennig über die Stadtbahn mit derselben Fahrkarte von West nach Ost fahren. Seit der ersten Preiserhöhung 1966 in West-Berlin galt für die nächsten Jahrzehnte stets folgende Preisermittlung: Die grenzüberschreitende Fahrkarte Richtung Osten kostete jeweils den Fahrpreis für West-Berlin zuzüglich mindestens 20 Pfennig (Preisstufe 1 für Ost-Berlin). Gleiches galt sinngemäß von Ost-Berliner Bahnhöfen aus. Eine Nachfrage war aber nach dem Mauerbau kaum noch vorhanden.

 

Erst ab November 1964 hatten zumindest DDR-Rentner wieder die Möglichkeit, West-Berlin zu besuchen. Die BVG reagierte mit dem Entschluss, dass Besucher mit DDR-Personalpapieren ab sofort kostenlos beför-dert wurden. Allerdings galt diese Regel, die bis 1989 beibehalten wurde, natürlich nur für das Gebiet von West-Berlin. Jeder Besucher, der vom Bahnhof Friedrichstraße als Anfangsbahnhof eingereist kam, musste deshalb dort zunächst eine DR-Fahrkarte kaufen. Da der Wert der höchsten Preisstufe 8 (1,30 DM) nach diversen Preiserhöhungen bald nicht mehr ausreichte, führte die DR sogar die Preisstufen 9 und 10 ein. Nach der Übernahme der S-Bahn in West-Berlin 1984 durch den Senat galten diese DR-Fahrkarten auch nur noch bei der S- und U-Bahn, nicht aber beim Autobus.

Nach dem Mauerfall im November 1989 konnten alle DDR-Bürger freizügig nach West-Berlin reisen. Es mussten daher schnell neue Tarifregelungen gefunden werden. So traten ab dem 1. Januar 1990 nach intensiven Beratungen von DR, BVG, BVB und dem Verkehrskombinat Potsdam folgende bahnbrechende Regelungen in Kraft: Alle Fahrausweise der BVG, ausgenommen Kurzstreckenfahrscheine, galten bis zum Ablauf ihrer Gültigkeit auch bei der DR im Tarifbereich der S-Bahn, bei den Ost-Berliner Verkehrsbetrieben BVB und dem Verkehrskombinat Potsdam.

Für DDR-Bürger wurden bei den genannten Verkehrsbetrieben Fahrkarten für DDR-Mark verkauft, die zur Benutzung der BVG berechtigten. Die Preise betrugen für eine 2-Stunden-Karte 2 Mark (ermäßigt 1 Mark), für eine 24-Stunden-Karte 5 Mark (ermäßigt 2,50 Mark). Gemessen am DDR-Preisniveau (Einzelkarten 0,20 Mark, Touristenkarte BVB/S-Bahn 2 Mark) waren die Preise hoch, lagen aber unter den in West-Berlin geltenden Tarifen. Damit endete die Freifahrtberechtigung für DDR-Bürger in West-Berlin. Die BVG hatte zu diesem Zeitpunkt vorsorglich sechs Fahrscheinsorten drucken lassen, die weder eine Preisangabe noch irgendwelche Hinweise zur Gültigkeit trugen und sich nur durch Farbe und Seriennummer unterschieden. Erst ab März 1990 gab es vollständig gekennzeichnete Fahrscheine.

Ab 1. April 1990 wurde von den beteiligten Verkehrsunternehmen in der DDR eine übertragbare Umweltkarte zum Preis von 30 Mark (bei Jahreszahlung 300 Mark, ermäßigt jeweils die Hälfte) herausgegeben.

Nach der Währungsunion am 1. Juli 1990 wurden dann alle Sorten zum selben Wert in DM ausgegeben. Gleichzeitig fanden die bei der BVB verwendeten Zahlboxen ihr Ende, da eine Umrüstung auf DM nicht zu vertreten gewesen wäre. Die letzte große Tarifänderung in diesem Zusammenhang kam zum 1. August 1991. Zu diesem Datum endete der bis dahin parallel laufende S-Bahn-Preisstufentarif. Alle Fahrkarten der Preisstufen 1 bis 8 sowie die BVB-Einzel- und -Umsteigefahrkarten wurden ungültig. Dies war zugleich das Ende für die Edmonsonschen Fahrkarten-Pappen (seit 1838 im Gebrauch). Seitdem gibt es in Berlin nur noch die großen entwertergerechten Fahrscheine.