Anfang 1989 konnte niemand voraussagen, dass sich 12 Monate später die politische Landkarte Europas, ja der Welt, völlig verändert haben würde. 2020 ist die Mauer - fast sechs Jahrzehnte Symbol der Teilung Europas - offen ihr Abriss schon längst abgeschlossen.

Was war geschehen?

Die Wirtschaft der Ostblockstaaten war am Ende. Das Wettrüsten und das Unvermögen, mit der realsozialistischen Kommandowirtschaft einen hohen Lebensstandard zu erzielen, war der Kern des Scheiterns. Auch die DDR war bei nüchterner Betrachtung (schon lange) pleite, überlebte nur noch Dank westdeutscher Wirtschaftshilfe.

Der mit Michael Gorbatschow verbundene Öffnungskurs der Sowjetunion - bekannt als „Glasnost“ und „Perestroika“ (Öffnung und Umgestaltung), wollte das System liberalisieren und modernisieren, stellte es aber letztlich vollkommen in Frage. Die schon seit 1980 in Polen unter der Führung der Gewerkschaft Solidarnosc eingeleiteten Veränderungen waren ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Auflösung der Nachkriegsordnung Mittelosteuropas.

Der Unmut der Bevölkerung und zugleich der Mut zum Widerspruch wuchsen; die DDR-Führung sah keinen Grund zu Veränderungen. Verschiedene Ereignisse erschütterten jedoch das System. Die offensichtlich gefälschten Kommunalwahlen im Mai und die beifälligen Kommentare zu den Massakern in der Volksrepublik China im Juni 1989 zeigten, dass die DDR-Führung lernunfähig und sogar kompromisslos gewaltbereit schien. Zugleich begannen in Ungarn die ersten Auflösungserscheinungen am „Eisernen Vorhang“. Tausende DDR-Bürger nutzten die seit Mai 1989 immer weiter geöffnete Grenze zur Flucht in den Westen. Die Flüchtlingszahlen - ebenso wie die Hilflosigkeit der Führung, die schließlich den Reiseverkehr nach der Tschechoslowakei und damit nach Ungarn unterband - wirkten destabilisierend auf die DDR. Von Januar bis zum Ende Oktober 1989 verließen rund 167.000 Menschen die DDR.

Viele andere sahen in der Flucht keine Lösung, sondern begannen auf den ständig an Zulauf gewinnenden Demonstrationen eine andere DDR zu fordern.

Die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 sollten zur vorweggenommenen Totenfeier des Regimes werden. Während mit einer anachronistischen Militärparade, Jubelparolen und einem Empfang im Palast der Republik das offizielle Festprogramm ablief, prügelten uniformierte und zivile Schläger von Polizei und Staatssicherheit das demonstrierende Volk auseinander, verhafteten wahllos. Dennoch wurde selbst dem Minister für Staatssicherheit bald klar: Entweder müssen Panzer eingesetzt werden oder das Ende der bisherigen Herrschaft steht bevor.

Die Vernünftigen in der Führung setzten sich durch; am 18. Oktober wurde Partei- und Staatschef Erich Honecker entmachtet. Der Prozess, den sein Nachfolger Egon Krenz als „Wende“ bezeichnete, kam in Gang. Noch versuchte ihn die SED-Führung in ihrem Sinne zu steuern. Mit einer geordneten Öffnung der Mauer wollte sie sich „Luft schaffen“ und sich der Bundesregierung als Verhandlungspartner empfehlen. Am 9. November 1989 entglitten ihr die Zügel. Der chaotisch ablaufende, so nicht geplante Fall der Mauer beraubte sie der letzten Autorität. Nun setzte die Abwicklung ein. 11 Monate später, am 3. Oktober 1990, war der Staat DDR Geschichte.